Hallo,
irgendwie geht dieser Tage keine einzige Front *normal* durch. Keine Front die nicht irgendwie Überraschungspotential birgt. War es zu Wochenbeginn eine markante Warmfront die die Modelle in der Schweiz und in Vorarlberg massiv unterschätzt haben, so brachte die schleifende Front gestern in einer Gegend, wo es auch der Blogger nicht erwartet hätte, ein deftiges, einjähriges Starkregenereignis. Die Rede ist vom Bezirk Mödling, genauer gesagt dem Stadtrand von Wien, nämlich von Brunn am Gebirge. Hier die 24-stündigen Niederschlagsmengen:
Und im Zoom auf den Raum Wien:
Man sieht hohe Mengen im Wienerwald (mehr als 40mm), als auch in einem schmalen Streifen von Baden bis zum Wiener Südrand mit 40 bis 60 L/m², die in 18 Stunden gefallen sind.
Hier der Stationsverlauf der Station Brunn:
Gehen wir es durch: Am Vormittag geht die Front durch, der Wind dreht auf Nord, Regen setzt ein. Nicht besonders viel allerdings...
Dann, am Abend gehen die Niederschlagsraten deutlich nach oben (teils 8mm / Stunde) und der Wind dreht auf Süd bis Ost.... um später wieder auf Nord zu drehen, da gehen die Regenraten aber deutlich zurück.
Diese Winddrehung zum Zeitpunkt der Intensivierung des Regens war nicht auf die Station beschränkt, sondern ein regionales Phänomen...
Herrschten am Vormittag nach Frontdurchgang normale Verhältnisse (Nordwind)..
.. so dreht am Abend der Wind im Wiener Becken überall auf Nordost bis Südost....
Der Wind hat dann eine Komponente die gegen den Wienerwaldahang gerichtet ist, was im weiteren wichtig ist.
Irgendwie hatte er aber keinen Grund mitten im Regen zu drehen ... schauen wir uns den reduzierten Druck an:
.. man sieht sehr ausgeglichene Verhältnisse und nur geringfügig geringeren Druck westlich des Wienerwaldes als östlich. Eine Erklärung für die Winddrehung mag die Frontenkarte zu jenem Zeitpunkt geben:
Zu jenem Zeipunkt schreitet die Front vom Mühlviertel bis St. Pölten gerade ins Alpenvorland herab. Man sieht auch einen schönen Bodentrog, in dem die Front eingebettet ist. Hier herrscht also etwas Druckfall. Zum zweiten sieht man, wie sich hinter der Front über Ungarn und der Slowakei ein kleiner Druckpolster (Druckanstieg durch Kaltluftadvektion) aufbaut.
All das zusammen führt zu Ostwind im Raum Wien, für ein paar Stunden.
Ostwind allein macht noch keinen Regen .... und jetzt kommts: Jeder der gestern im Osten unterwegs war, hat gesehen, dass die Luft hinter der Kaltfront immens feucht war. Tiefhängende Wolken, Kampfnieseln im Regen etc. Weht Ostwind über den Wienerwald wird so eine Luftmasse um gut 400m gehoben und ausgepresst.. es kampfnieselt.
Über diesen gehobenen tiefen Wolken fällt aber natürlich auch noch der frontale Niederschlag. Bei so einer Konstellation kann etwas geschehen, das sich Feeder-Seeder Prozess nennt.
Eine hochreichende Wolke regnet in tiefe Wolke hinein und wenn diese tiefe Wolken sehr viel Flüssigwasser, so wie gestern der Fall. hat, können sich die Wolkentröpfchen an die Regentropfen anlagern und die tiefe Wolke auch noch zusätzlich zum Ausnieseln zwingen. Für weiteren Feuchtenachschub und für Flüssigwasser war durch den Ostwind in den tiefen Schichten ja ausserdem noch gesorgt.. und tata... die hohe Regenmengen zwischen Baden und Wien können plausibilisiert werden.
Hier eine schematische Karte des Prozesses von Radarpapst Willi Schmid:
Endet der Hebungsprozess, wie später mit der Winddrehung auf Nord, fällt der Feederteil weg und es bleibt nur noch der normale Regen über.
Kann man das vorhersagen ? Njet. Ich empfinde das nicht als unbefriedigend, wo kämen wir denn hin, wenn uns beim Wetter nichts mehr überrascht...
Lg
Manfred








Auch bei mir zuhause in Kirchberg haben mich die über Nacht angesammelten Regenmengen überrascht. Die Pielach ist auch nur knapp an einem einjährigen Hochwasser vorbeigeschrammt.
AntwortenLöschenlg
eine wissenschaftliche Erklärung zum Thema Seeder-Feeder-Effekt gibts hier:
AntwortenLöschenhttp://www.wetteran.de/publikationen/seeder-feeder_seminar_2008.pdf
z.B. Seite 15: eine 1,5 km dicke orographische Wolke genügt, um die Regenrate am Boden um 1-2 mm/h zu erhöhen.
Wobei ich Deine Argumentation hier etwas präzisieren würde:
"können sich die Wolkentröpfchen an die Regentropfen anlagern und die tiefe Wolke auch noch zusätzlich zum Ausnieseln zwingen"
eher umgekehrt:
Die Regentropfen aus der mittelhohen Wolke (Bergeron-Findeisen-Prozess) lagern sich an die Wolkentröpfchen der tiefen Wolke an und erhöhen somit die Niederschlagseffizienz.
Eine kleine Einschränkung: in ganz Wien verstärkte sich gestern nachmittag/abend der Niederschlag, also wirkte der Seeder-Feeder-Prozess überall (Houze, Cloud dynamics, erklärt wie beschrieben generell Warmfrontniederschlag mit Seeder-Feeder, unabhängig der Orographie), das Maximum in Brunn am Gebirge wäre aber ohne Orographie nicht möglich gewesen, hier hat der Seeder-Feeder-Effekt besagte Verstärkung erhalten.
Gruß