Dienstag, 31. Januar 2012

Update Kaltluftkörper: Das grausigste Wetter Europas

Hallo,

da sich die Medien (nun da das Ereignis sicher ist) ohne Rücksicht darauf wer was wann zum ersten Mal gesagt hat, inflationär mit der kommenden Kältewelle beschäftigen, hier nun ein kurzer Blick über den Tellerrand der Temperaturen in 2000m Höhe hinaus.

Die aktuelle Situation im Satellitenbild und den Modellfeldern:



Man sieht, dass sich die Kernmasse der sibirischen Kaltluft nun behende aus Osten Zentraleuropa nähert. Dort passiert ausser klirrender Kälte nicht viel. Die Musik spielt vielmehr am Rand des Kaltluftkörpers, beispielsweise über Italien und der Adria. Dort liegt das Frontensystem eines sich bildenden Tiefs, das auf Ost bis Ostsüdostkurs unterwegs ist und auf den Balkan zusteuert. An seiner Nordflanke fällt verbreitet Schnee, und das nicht zu knapp...

Hat Norditalien schon unter den letzten Schneefällen zu leiden gehabt, kommt es in den nächsten 24 Stunden am Nordostfuß der Appeninen vermutlich ganz dick:


Man sieht vom Modell simulierte Neuschneemengen von tw. bis zu einem Meter in den Bergen von heute Abend bis morgen Abend, wobei die Akkumulationsgrenze wahrscheinlich nur bei 200m liegt. Auch im Hinterland der Dinarischen Küste kommt ein *wengl* was zusammen ...

Neben dem Schneefall ist dort der Wind ein Thema, denn die Bora wütet an der sonst so lieblichen Adriaküste unerbittlich..


Hier das Meteogram von Senj , etwa 100km südöstlich von Rijeka, Kroatien.

Mittelwind: 50 bis 55 Knoten, Böen bis 75 Knoten (also 135 km/h) und das Ganze bei Temperaturen um und später unter dem Gefrierpunkt (Das Modell nimmt den Ort etwas zu hochliegend an, da muss man zu den Temperaturen ein bissl was dazurechnen, so etwa 3, 4 Grad). Man wird mit Fug und recht behaupten können, dass innerhalb der kommenden 48 Stunden vom nördlichen Mittelitalien über die Adria bis hinein nach Kroatien, Bosnien und Serbien die winterlichsten Bedingungen in ganz Europa herrschen werden, an der kroatischen Adriaküste die europaweit grausigsten.

Da brauchen wir uns mit den paar Minusgraden nicht besonders aufspielen.

Die Chance auf etwas Schnee im Osten und Süden Österreichs ist am Samstag und Sonntag nach wie vor gewahrt, aber auch das wird nichts Besonderes sein, denn die Hauptmasse wird am Balkan und östlich von uns fallen

Bleibt zu hoffen, dass Nachbarschaftshilfe und Soziales Engagement in Zentral- und Osteuropa in den kommenden Tagen weitere Todesfälle durch Erfrieren weitestgehend verhindern werden.

Lg

manfred

Freitag, 27. Januar 2012

Kasachischer Exportschlager: Kaltlufttropfen

Hallo,

wenig weiß man über Kasachstan und seine weite Steppen. Und genauso wenig weiß man hierzulande über das Wetter dort. Macht nichts, man muss ja nicht alles wissen. In diesen Tagen lohnt es sich aber, den Blick ganz weit nach Osten schweifen zu lassen, denn Kasachstan und das nördlich anschließende Westsibirien schicken uns, wenn man EZ und GFS gleichermaßen Glauben schenkt, einen Kaltlufttropfen (oder 2) !

Ein bisschen Hintergrundwissen: Was ist ein Kaltlufttropfen ? Wenn man so will, ein Tief im Greisenstadium, beinahe eine Zyklonen-Leiche. Aber mit erstaunlich viel Leben. Ein Kaltlufttropfen ist die letzte Entwicklungsstufe mancher Tiefs, wenn sich das Tief in Bodennähe vollkommen auffüllt, in der Höhe aber die Kaltluft noch vorhanden ist.

Hat man am Boden kein Anzeichen mehr von zyklonaler Zirkulation, in der Höhe aber noch das Höhentief ergibt sich gemäß den Gesetzen der Thermodynamik zwingend das thermische Gebilde einer von wärmerer Luft umgebenen, meist recht symmetrischen Blase kalter Luft, Kaltlufttropfen genannt. In Ermangelung anderer Antriebsmechanismen verlagern sich diese meist mit der Bodenströmung. An ihrem Hinterrand, wo die Kaltluft *abzieht* findet sich meist ein Aufgleitgebiet mit etwas Niederschlag, an ihrem Vorderrand (mit der Zugrichtung gesehen), wo die Kaltluft ankommt, ist es meist wolkenlos.

Genug der Worte, schauen wir uns Kaltlufttropfen auf den aktuellen Prognosekarten an.....

Für diesen Zweck habe ich diesmal einen Ausschnitt bis weit nach Rußland hinein gewählt.... die EZ Variante der Entwicklung von Bodendruck und relativer Topografie als Maß für die Temperatur:



Man sieht folgendes. Aus Kasachstan kommend zieht ein kleiner Kaltlufttropfen am Südrand eines starken Hochs mit bodennahmen Ostwind nach Westen, dabei verirrt er sich aufs Schwarze Meer und löst sich auf. Das ist das Schicksal von Kaltlufttropfen, die über warmes Wasser ziehen: Sie lösen enorme Konvektion aus, die die Höhenluft erwärmt und dem Tropfen seine Lebensgrundlage entzieht. Das als Sidestep. Weiter mit der Geschichte: Aus Sibirien kommend schlägt aber ein weiterer, massiverer, KLT den Weg nach Westen ein, sein weiterer Weg führt ihn über die Ukraine und Polen nach Deutschland.

Wie sieht das im GFS aus (Control-Lauf) ?




Ganz ähnlich und doch anders... Auch hier entleibt sich der erste KLT über dem Schwarzen Meer, der Sibirskomat zieht wie im EZ daraufhin nach Westen, setzt sich aber über Osteuropa fest und eiert dort auf Tage hinweg herum. Andere GFS-Member lassen ihn einen Weg wie im EZ einschlagen.

Wie man es dreht und wendet. Kaltlufttropfen sind ein Graus in der Prognose, sie verhalten sich recht eigensinnig und sind prognostisch nur auf der kurzen Skala zu beherrschen. Wir werden hier also noch ein paar deutliche Änderungen der Zugbahnen in den Vorhersagen der nächsten Tage sehen. Es scheint aber recht gesichert, dass uns der Sibirier in der einen oder anderen Form in der nächsten Woche treffen wird, dem entsprechend fröstelig schauen Punkttemperaturvorhersagen für Österreich aus...


Ganz im Osten (Poysdorf im Weinviertel)...




gleich wie ganz im Westen (Hohenems im Rheintal)


und auch die Ensembles für die Temperatur sprechen eine deutliche Sprache.




Wer von der Kernmasse dieses KLT's getroffen wird, erlebt 850 hPa Temperaturen mglws deutlich unter minus 20 Grad, das ist in Zentraleuropa ein Ereignis, das nicht jeder im Zuge seines Lebens *bestaunen* kann ...

Lg

Manfred